Juliette Hampton Morgan

Juliette Hampton Morgan: Die vergessene Heldin der Bürgerrechtsbewegung in Alabama

Juliette Hampton Morgan war eine Bibliothekarin aus Montgomery, Alabama, die ihr Leben für den Kampf gegen Rassentrennung opferte. Geboren am 21. Februar 1914 als Nachfahrin eines konföderierten Generals, wurde sie zur ersten und zeitweise einzigen weißen Frau, die sich öffentlich gegen den White Citizens Council stellte. Ihre mutigen Leserbriefe und ihre Unterstützung des Montgomery Bus Boycotts führten zu brutalen Konsequenzen: Segregationisten brannten am 15. Juli 1957 ein Kreuz in ihrem Vorgarten, und nur einen Tag später nahm sie sich das Leben.

In diesem Artikel zeige ich Ihnen, wie die Juliette Hampton Morgan Memorial Library heute an diese vergessene Heldin erinnert und welche Bedeutung ihr Vermächtnis für die Bürgerrechtsbewegung hat.

Eine privilegierte Südstaatlerin wird zur Aktivistin

Herkunft aus einer angesehenen Montgomery-Familie

Die Familie Morgan gehörte zu den prominentesten Kreisen Montgomerys. Frank Perryman Morgan, ihr Vater, stammte als Enkel eines Senators aus Georgia und Sohn des ersten Bürgermeisters von Heflin aus einer politisch einflussreichen Linie. 1938 kandidierte er erfolglos für das Amt des Gouverneurs von Alabama. Ihre Mutter Lila Bess Olin Morgan war eine Nachfahrin von Wade Hampton, einem konföderierten General und späteren Gouverneur von South Carolina.

Als Einzelkind wuchs Juliette Hampton Morgan in einem Haushalt auf, dessen Freundeskreis Zelda und F. Scott Fitzgerald sowie die Schauspielerin Tallulah Bankhead umfasste. Die Morgans waren Südstaatler in siebter Generation.

Ausbildung und frühe politische Überzeugungen

Nach ihrem Abschluss an der Sidney Lanier High School 1930 studierte Morgan an der University of Alabama in Tuscaloosa. Dort erlebte sie die verheerenden Auswirkungen der Großen Depression. Schwarze und weiße Bewohner verloren ihre Arbeitsplätze, Häuser und Ersparnisse, während keine bundesstaatliche Hilfe verfügbar war.

1934 schloss sie ihr Studium mit der Auszeichnung Phi Beta Kappa ab und erhielt einen Doppelabschluss in englischer Literatur und Politikwissenschaft. Ein Jahr später folgte ihr Master in Englisch.

Als sie 1936 nach Montgomery zurückkehrte, wurde Morgan zu einer Unterstützerin von Präsident Franklin Roosevelts New Deal. Sie trat dem örtlichen Democratic Club bei und beteiligte sich an Briefkampagnen zur Unterstützung von Bundesgesetzen gegen Lynchjustiz und zur Abschaffung der Wahlsteuer.

Der Weg zur Bibliothekarin in den 1940er Jahren

Morgan unterrichtete zunächst Englisch und Drama an ihrer ehemaligen Schule Lanier. 1942 akzeptierte sie eine Stelle als Assistentin in der örtlichen Carnegie Library. Zehn Jahre später, 1952, wurde sie zur Forschungsleiterin der Montgomery City-County Public Library ernannt.

Morgans mutiger Kampf gegen die Rassentrennung

Leserbriefe im Montgomery Advertiser als Waffe gegen Ungerechtigkeit

Bereits 1939 begann Morgan, Leserbriefe an den Montgomery Advertiser zu schreiben, in denen sie die Ungerechtigkeiten auf den Stadtbussen anprangerte. Sechzehn Jahre vor dem berühmten Montgomery Bus Boycott bezeichnete sie die Rassentrennung als unchristlich und forderte die Bürger Montgomerys zum Handeln auf.

Die Reaktion folgte umgehend. Morgan verlor ihre Stelle in einer örtlichen Buchhandlung direkt nach ihrem Collegeabschluss wegen eines veröffentlichten Leserbriefs. Dennoch schrieb sie weiter. Sie setzte sich für bundesstaatliche Gesetze gegen Lynchjustiz ein und forderte die Abschaffung der Wahlsteuer. 1938 verfasste sie Briefe zur Verteidigung der ‘Southern Woman’ und stellte die damals gängigen Vorstellungen infrage.

1952 warnte Morgan die weißen Bewohner in einem Brief an den Montgomery Advertiser: “Are people really naïve enough to believe that Negroes are happy, grateful to be pushed around and told they are inferior and ordered to ‘move on back’? They may take it for a long time, but not forever”. Drei Jahre vor Beginn des Busboykotts schrieb sie, dass Afroamerikaner es leid seien, zu den Rassentrennungsgesetzen Montgomerys zu schweigen, und dass sich etwas ändern müsse.

Konfrontationen in den Stadtbussen von Montgomery

Morgan konnte sich zwar ein Auto leisten, doch schwere Panikattacken hinderten sie daran, selbst zu fahren. Entsprechend nutzte sie täglich die Stadtbusse zwischen ihrem Zuhause und der Bibliothek. Dort beobachtete sie wiederholt, wie weiße Busfahrer schwarze Fahrgäste misshandelten, die denselben 10-Cent-Fahrpreis zahlten wie sie.

Ein Vorfall brachte sie zur Handlung. Eine afroamerikanische Frau zahlte vorne ihr Fahrgeld, verließ den Bus und ging zur hinteren Tür, um entsprechend der damaligen Vorschrift hinten einzusteigen. Bevor die Frau einsteigen konnte, fuhr der Fahrer jedoch davon. Morgan sprang auf, zog die Notbremse und brachte den Bus zum Stehen. Sie schrie den Fahrer an und forderte, dass er die Frau wieder einsteigen lasse.

Diese Aktion wiederholte sie mehrere Jahre lang bei jedem Missbrauch, den sie miterlebte. Die Nachricht verbreitete sich schnell, und die Busfahrer begannen, Morgan zu provozieren, damit sie den Bus verlassen und den Rest des Weges zu Fuß gehen musste, manchmal über eine Meile weit. Die Menschen waren schockiert, denn sie hatten noch nie erlebt, dass sich eine weiße Person öffentlich gegen Rassismus stellte.

Unterstützung des Montgomery Bus Boycotts und Vergleich mit Gandhi

Am 12. Dezember 1955 schrieb Morgan einen weiteren Leserbrief an den Montgomery Advertiser zur Unterstützung von Rosa Parks und des folgenden Boykotts. Ihr Brief mit dem Titel “Lesson from Gandhi” verglich den Busboykott mit Gandhis berühmtem Salzmarsch. Sie schrieb: “The Negroes of Montgomery seem to have taken a lesson from Gandhi… Their own task is greater than Gandhi’s however, for they have greater prejudice to overcome. One feels that history is being made in Montgomery these days… It is hard to imagine a soul so dead, a heart so hard, a vision so blinded and provincial as not to be moved with admiration at the quiet dignity, discipline and dedication with which the Negroes have conducted their boycott”.

Dieser Brief gehörte zu den ersten öffentlichen Erwähnungen gandhiähnlicher Taktiken im Zusammenhang mit dem Boykott.

Zusammenarbeit mit interrassischen Gruppen

1946 trat Morgan einer kontroversen interrassischen Gebetsgruppe für Frauen bei, der Fellowship of the Concerned. Dort traf sie schwarze Akademikerinnen, die ihre Leidenschaft für Literatur, Musik und Politik teilten. Die Treffen der Gruppe mussten in afroamerikanischen Kirchen stattfinden, da weiße Kirchen sich weigerten, ihre Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen. Integrierte Versammlungen verstießen gegen die städtische Gemeindeordnung.

Die brutalen Konsequenzen ihres Aktivismus

Anfeindungen durch die White Citizens’ Council

Morgans Leserbriefe lösten eine Welle von Drohbriefen und obszönen Telefonanrufen aus. Bürgermeister William A. Gayle, selbst Mitglied des White Citizens’ Council, forderte die Bibliotheksleitung auf, sie zu entlassen. Weiße Einwohner zerrissen ihre Bibliotheksausweise und boykottierten die Einrichtung aus Protest. Ehemalige Studenten, Kirchenmitglieder, Ladenbesitzer und Menschen, die sie ihr ganzes Leben kannten, begannen sie zu meiden.

Druck auf die Bibliotheksleitung und Kündigungsforderungen

Die Bibliotheksverwaltung weigerte sich standhaft, Morgan zu entlassen, und verwies auf ihr Recht auf freie Meinungsäußerung gemäß dem Ersten Verfassungszusatz. Dennoch warnten die Verantwortlichen sie, keine weiteren provokanten Briefe mehr zu schreiben. Folglich schwieg Morgan über ein Jahr lang. Als der Bürgermeister mit seiner Forderung scheiterte, kürzte er die städtische Finanzierung der Bibliothek um den Betrag ihres Gehalts.

Kreuzverbrennung und eskalierende Gewaltdrohungen

Teenager verspotteten und demütigten sie öffentlich und vor ihrem Personal in der Bibliothek. Segregationisten warfen Steine und zerbrachen ihre Fenster. Am 15. Juli 1957 brannte jemand ein Kreuz in ihrem Vorgarten.

Morgans psychische Belastung und Suizid im Juli 1957

Am 16. Juli 1957 reichte Morgan ihren Rücktritt ein. In derselben Nacht nahm sie eine Überdosis Schlaftabletten. Ihre Mutter fand sie am nächsten Morgen tot, neben ihr lag eine leere Tablettenflasche. Morgans Abschiedsbrief enthielt nur einen Satz: “I am not going to cause any more trouble to anybody”.

Das Vermächtnis einer vergessenen Heldin

Martin Luther Kings Würdigung in seinen Schriften

Reverend Martin Luther King Jr. würdigte Morgan später in seinem Buch “Stride Toward Freedom: The Montgomery Story”. Er schrieb: “About a week after the protest started, a white woman who understood and sympathized with the Negroes’ efforts wrote a letter to the editor of the Montgomery Advertiser comparing the bus protest with the Gandhian movement in India. Miss Juliette Morgan, sensitive and frail, did not long survive the rejection and condemnation of the white community, but long before she died in the summer of 1957, the name of Mahatma Gandhi was well known in Montgomery”.

Historiker bewerten Morgans Einfluss als primär symbolisch und katalytisch innerhalb weißer Südstaatenkreise. Ihr Brief vom Januar 1955 an den Montgomery Advertiser, der den Busboykott mit Gandhis Gewaltlosigkeit verglich, machte moralische Versäumnisse unter Segregationisten deutlich.

Induktion in die Alabama Women’s Hall of Fame 2005

Am 3. März 2005 wurde Juliette Hampton Morgan in die Alabama Women’s Hall of Fame in Marion aufgenommen. Diese Ehrung würdigte ihre Arbeit als weiße Südstaatlerin für Rassengerechtigkeit in den segregierten 1940er und 1950er Jahren.

Die Juliette Hampton Morgan Memorial Library in Montgomery

Am 3. November 2005 stimmten die Montgomery City-County Public Library Board und die Montgomery County Commission einstimmig dafür, die zentrale Zweigstelle in der High Street 245 in Juliette Hampton Morgan Memorial Library umzubenennen. Der Stadtrat bestätigte die Entscheidung im Dezember.

Fünf Jahre nach ihrem Tod am 13. August 1962 wurde die Montgomery Public Library friedlich integriert.

Ihre Bedeutung für die Bürgerrechtsbewegung heute

Biografin Mary Stanton merkt an, dass Morgans Optimismus bezüglich eines ‘stillen Südens’ sympathischer Weißer sich als übermäßig zuversichtlich erwies, da sich die kompromisslose Opposition intensivierte. Dennoch trugen ihre Bemühungen zur friedlichen Desegregation der Bibliothek bei.

Schlussfolgerung

Juliette Hampton Morgan zahlte den höchsten Preis für ihren Mut. Als eine der ersten weißen Südstaatlerinnen stellte sie sich öffentlich gegen die Rassentrennung und inspirierte damit die Bürgerrechtsbewegung. Ihr Vermächtnis lebt heute in der nach ihr benannten Bibliothek weiter. Vor allem zeigt uns ihre Geschichte, dass echter Wandel Opfer erfordert. Vergessen Sie nicht: Einzelne Stimmen können Geschichte schreiben, selbst wenn sie zu Lebzeiten nicht gehört werden.

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